Informationen Schlaraffia Crefeldensis e.V.

Schlaraffenburg im alten Krefelder Stadtbad

 

Dieser prächtige Raum war früher der Ruheraum zum römisch - irischen Bad im alten Krefelder Stadtbad. An der linken Seite befanden sich 19 Umkleidekabinen, in der Mitte des Raumes befand sich ein langer Tisch mit Stühlen, an der rechten Seite gab es Waschbecken. Das kassettierte Tonnengewölbe gibt dem Raum Größe und Präsenz. 

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Nach 20 Jahren im Dornröschenschlaf diente dann dieser einst prächtige Ruheraum des alten römisch-irischen Dampfbades in der Zeit von 1983-2002 dem Männerbund Schlaraffia Crefeldensis e.V. als Burg für ihre Sippungen*. Doch nichts ist für die Ewigkeit und so mussten die Herren sich eines Tages eine neue Burg erobern.

Umzug vom alten Krefelder Stadtbad ins "Et Klöske"

Anfang des 2. Jahrtausends gab es für den Ruheraum des ehemaligen römisch-irischen Bades den Plan, einen noblen, italienischen Gastronom zu etablieren, um das Ansehen des Gebäudes zu verbessern. Das hat zwar letztendlich nicht geklappt, aber die kreativen Ritter mussten sich trotzdem nach einer neuen Bleibe, nach einer neuen Burg umsehen. Das ebenfalls in die Jahre gekommene "Et Klöske"in Krefeld-Uerdingen, das 1403 zum ersten Mal als Hospital "Zum heiligen Michael" erwähnt wurde und seitdem auf eine abwechslungsreiche Geschichte zurück blicken kann, suchte offenbar zu jener Zeit einen neuen Besitzer. 

Die Stadt benötigte Geld und durch gute Verbindungen konnten die Verhandlungen mit dem Krefelder Männerbund aufgenommen werden. Es sollten lange Verhandlungen werden an deren Ende man sich auf einen Kauf auf Erbbaurecht einigen konnte. So zahlen die Schlaraffen 25 Jahre an die Stadt. Die Stadt bleibt noch im Grundbuch eingetragen, aber der Schlaraffia Crefeldensis e.V. hat im Status des Besitzers die Verantwortung für das Gebäude.

Doch erst einmal stand eine aufwändige Restaurierung und Berücksichtigung von Denkmalschutzgesichtspunkten an, die die wackeren Ritter in Eigenleistung gestemmt haben. Die Stadt hat damals die anfallenden Kosten mit DM 250.000 bewertet, wovon ca. DM 130.000 auf Arbeitskosten entfielen. Diese Kosten wurden zum Teil von den Mitgliedern zur Verfügung gestellt. Später haben ca. 70% auf die vollständige Darlehnstilgung verzichtet. Aus meiner Sicht ist das ein Zeichen für den fundierten nachhaltigen Zusammenhalt des Männerbundes, dass sie sich als Gemeinschaft, die füreinander sorgt, versteht und nicht nur als "Spaßclub". Mehr SEIN als SCHEIN.

Mitgenommen wurden die Oberlichter des Ruheraums und nach Rücksprache mit dem Denkmalschutz auch der prächtige Deckenleuchter, der den Rittersaal im "Et Klösken" bei den Sippungen* sicherlich in ein wunderbar warmes Licht erscheinen lässt und so ein wenig romantische Ritterstimmung in diesem denkmalgeschützten ehemaligen Hospitals gibt.

Ein besonderes Augenmerk gilt der Saccomalerei in der Apsis. Um die empfindliche Malerei zu schützen, wurden Makrolonplatten davor gesetzt. Auf diese wurden vo ´n einer Künstlerin die fehlenden Gemäldeteile möglichst stilecht nachempfunden.

So haben die Ritter der Schlaraffia Crefeldensis in Uerdingen am Rhein mit dem historischen Gebäude des "Et Klöske" eine neue würdige Burg, eine Heimat gefunden.

Geschichte:

1859 gründeten Theaterleute, Künstler und Literaten in Prag den Männerbund Schlaraffia. Nachdem der Direktor des Deutschen Theaters, Franz Thomé, versucht hatte, einen jungen Bassisten namens Albert Eilers in die Prager Künstlervereinigung "Arcadia" einzuführen, wurde dieses Anliegen abgelehnt. Er galt ob seiner Mittellosigkeit als Proletarier. Hofsänger und Schauspieler gehörten in jener Zeit eben nicht zur höher gestellten Gesellschaft.

So wurde der Männerbund Schlaraffia als Persiflage der elitären Männerclubs des 19. Jahrhunderts  ins Leben gerufen. Sie nahmen die sehr obrigkeitshörige Gesellschaft mit gezielter Persiflage und Parodie aufs Korn und machte sich lustig darüber. Ihre Begriffswelt verlegten sie ins 16. Jahrhundert und wurde zum Ritter, Junker und Knappe.

Offiziell gibt es keine Verbindung zu den Freimaurern, von den Karnevalsvereinen grenzt man sich deutlich ab. Das mittelhochdeutsche Wort „slur-affe“, das verschmitzter Schelm/Spaßmacher (16/17 Jahrhundert) aber auch sorgloser Genießer bedeutet, liegt der Bezeichnung Schlaraffen zu Grunde. Im Jahr 1859 wurde in Prag, damals noch zur Donaumonarchie gehörend, der erste Schlaraffenverein gegründet. Die Weiterverbreitung der Schlaraffen fand durch sogenannte Tochterreyche* statt. In den Jahren 1938/39 wurden in Deutschland und Österreich die Vereine, in denen auch viele Juden Mitglieder waren, verboten. In der Schweiz und in Übersee fanden weiterhin Sippungen* statt. Nach Ende des 2. Weltkrieges lebte das Vereinswesen wieder auf und es gab einige Neugründungen.

Nach Aussagen der Herren aus Krefeld hat sich in den letzten 30 Jahren der ursprünglich hohe Bildungsanspruch an die Mitglieder etwas relativiert. 

Allgemeines:

Zutritt zu diesem Bund haben bis heute Männer aller Berufe sowie professionelle Künstler und Amarteure. Weltweit gibt es ca. 270 Schlaraffenvereine, die Reyche* genannt werden, die sich an die selben Regeln und Prozedere halten. Die weltweite Sprache ist Deutsch. Die ca. 11.000 Mitglieder halten freundschaftliche Werte sehr hoch, sie sind ausgesprochen tolerant und Freundschaften können weltweit gepflegt werden. Weltweit sprechen die Schlaraffen Deutsch. Die Gesamtheit der Reyche ist das Uhuversum*

Bei den Schlaraffen kann jeder seine kreative Leidenschaft ausleben und einfach nur Spaß haben. Entstanden aus den Reihen der Schauspieler, die meist in den Wintermonaten Engagements hatten, fanden und finden die wöchentlichen Treffen in den Wintermonaten (Winterung*) (01.10.-30.04. Nordhalbkugel, 01.04.-30.10. Südhalbkugel) statt. Im Sommer finden Veranstaltungen auch mit den Frauen und Kindern statt. Die wöchentlichen Treffen werden Sippungen* genannt. 

Geprägt von mittelalterlich-romantischer Stimmung wird das Rittertum parodiert und „Mann“ kann so im Spiel seinem Alltag für einen Moment entfliehen. Die Schlaraffenburg wird nach Vorbild eines Rittersaals ausstaffiert, die Mitglieder kleiden sich während ihrer Treffen in ritterlicher Manier. Jedes Reych* hat hier eine eigene Kostümierung in eigenen Farben. Schwarz, gold und blau sind die Farben der hiesigen Schlaraffen. Die Schwerter sind zumeist aus Holz. Sie geben sich selbst Fantasienamen, die jedoch nicht einfach aus der Luft gegriffen sind, sondern immer einen charmant, anspruchsvollen Bezug auf die Person und ihre Eigenheiten oder Vorlieben haben. So heißt der Oberschlaraffe des Inneren z.B. "Ritter Binschon vom bömischen Glase", da er (Rochus von Meyrswalden) schon einen echten Ritter Titel besitzt. 

Die Kleiderordnung besteht auf einem "ordentlichen" Outfit mit Krawatte. Darüber wird der Ritterumhang getragen. Eine ritterliche Kopfbedeckung und ein Holzschwert vervollständigen die Montur Wenn man auf Fotos schaut, sieht man hier und da auch mal eine recht farbige Hose oder etwas profaneres Schuhwerk. Das reale tägliche Leben wird nicht komplett verdrängt.

Wie Eingangs schon erwähnt, ist das Ziel und das Motto der Vereinigung: Die Kunst, die Freundschaft mit Humor zu ertragen. Politik und Religion werden in den Sippungen* bewusst ausgespart. Ein Schlaraffe tritt mit einer positiven Grundhaltung seinen Mitrittern gegenüber und gestaltet die gemeinsamen Abende möglichst mit einem Augenzwinkern, also nicht mit tierischem Ernst. Damit eine Ordnung aufrecht erhalten werden kann, gilt der Oberschlaraffe als unfehlbar.

Die wöchentlichen Abende werden als fröhliches ritterliches Spiel erlebt und bestehen aus unterschiedlichen kreativen Vorträgen. Das kann ein musikalischer Vortrag sein, ein rezitiertes Gedicht, das nicht  unbedingt aus eigener Feder stammen muss. Es kann auch eine Diskussion angestoßen werden, die nicht notwendiger weise einen tieferen Sinn hat, sondern einem Schlagabtausch nach festen Regel ähnlich einem Duell im übertragenden Sinne gleicht. Den lebendigen Schilderungen von Ritter Binschon gibt es einen Ritter, der in der Lage ist, spontan eine auch hitzige Diskussion in Reimen zu führen. Das war für mich erstaunlich, da ich ohne genaue Vorstellungen und Erwartungen in dieses Gespräch gegangen bin. So bekommt die Aussage des intelligenten Blödsinns, den sich die Ritter auf ihre Fahne geschrieben haben, für mich als außenstehende Frau eine gut verständliche Bedeutung.

Gerne übt man sich in der Kunst der schönen Worte. Das Rededuell beginnt mit einer Retourkutsche*, man wirft symbolisch dem Gegner den Handschuh vor den Bauch. Das Thema bestimmt der Oberschlaraffe und die Rede und Gegenrede nimmt ihren kreativen, manchmal sicherlich redegewaltigen Lauf. Nach Aussage der Herren kann es hierbei von "Hölzchen auf Stöckchen" kommen und wieder zurück. Hauptsache es gibt keinen Streit und der Spaß und die Freude am schönen Wort und intelligenten Blödsinn wird nicht aus den Augen verloren. Der Sieger des Rededuells wird am Ende vom Oberschlaraffen bestimmt.

"Der güldene Ball" muss fliegen, bedeutet, dass möglichst viele Schlaraffen ins kreative Geschehen, sei es nun verbaler oder musikalischer Art, mit einbezogen werden. Es gilt das Motto "Jeder kann, keiner muss." Eigene Werke werden Fechsungen* genannt, Werke von anderen Urhebern sind Vorträge. Wer sich für den genauen typischen Verlauf einer Sippung* interessiert, möge hier nachlesen.

Als Schlaraffe ist man in jedem Reych auf der Welt ein gern gesehener Gast. Sassen mit Berufen, die eine Reisetätigkeit beinhalten, haben so an vielen Orten Anlaufstellen und können als Gastrecken an den örtlichen Sippungen* teilnehmen. Sie reiten dann dort ein und werden von den ortsansässigen Recken mit erhobenem Schwert, dem Tunnel empfangen. 

Beeindruckt hat mich die Aussage der Herren, warum ihnen die Treffen und das Leben als Mitglied eines/dieses Männerbundes so wichtig ist. Es ist vor allem die soziale Komponente, die die Herren zusammen hält. Naturgemäß gibt es hier einen hohen Anteil an Senioren, die in ihrem Reych* eine Gemeinschaft erleben, die jedem von ihnen die für Menschen so wichtige Aufmerksamkeit und Respekt zuteil werden lässt. Manch ein verwitweter oder allein stehender Herr findet hier adäquate Sozialkontakte in einem geschützten Raum. Jeder kann etwas vortragen, muss es jedoch nicht. Am Ende des Vortrages gibt es ein Abzeichen (in der Schlaraffensprache "Ahnen" genannt) und einen Händedruck als Anerkennung. Was passiert, wenn sich ein Schlaraffe auf der Rostra (Rednerpult) in seine Fechsung oder Vortrag zu sehr verliebt und die Zeit überzieht? Ganz einfach, ihm wird mit einer großen Holzschere, siehe Bildserie, das Wort buchstäblich „abgeschnitten“ und er muss sofort aufhören, darf auch nicht beleidigt sein. Das gehört zum schlaraffischen Spiel.

Die Aufmerksamkeit aller jedoch ist dem Vortragenden gewiss, auch der Respekt und die Ehrerbietung wird ihm zuteil. Auch fordern die kreativen "Machenschaften" die Herren sicherlich dazu auf, ihr Können im Klavierspiel etc, zu verbessern, um weiterhin in fröhlicher Runde mit fechsen*`zu können. So rastet, auch wer älter ist, noch lange nicht.

Gerade in der Pandemie Zeit wurden die Versammlungen schmerzlich vermisst. Da aufgrund ihres Alters mittlerweile die meisten Herren geimpft sein dürften, können, natürlich unter Beachtung der aktuell herrschenden Hygieneregeln, die Sippungen* wieder stattfinden.

Nach meinem Empfinden zeigt sich hier wieder, dass hier das Motto "Mehr SEIN als SCHEIN" gilt und nicht umgekehrt, wie oft im Sprachgebrauch als "Mehr schein als sein". 

Frauen:

Wer sich fragt, warum es keine Frauen in diesem Spiel gibt, muss sich zwei Gründe vor Augen halten.

Zum einen findet das Ritterspiel getreu der mittelalterlichen Vorlage statt. Dort spielten die Frauen bei den Ritterspielen auch keine "Rolle".

Der zweite Grund ist in der Wertigkeit der Freundschaft unter den Männern zu sehen. Um es vereinfacht auszudrücken, lebt sich die Freundschaft unter Männern anders, vielleicht leichter ohne die weibliche Komponente. Die Männer werden in ihrem Spiel nicht abgelenkt und können nicht zu Rivalen um die Gunst einer holden Maid werden. Sie müssen sich auch keine Gedanken machen, wie ihr Tun auf die holde Weiblichkeit wirken könnte, wer vielleicht besser rüber kommt.

Frauen werden aber nicht grundsätzlich vom Geschehen ausgeschlossen. Die Wertigkeit vom weiblichen Umfeld wird durchaus gesehen. Deshalb wurde schon bald nach der Gründung in die Satzung mit aufgenommen, dass in der Winterung* eine Sippung mit Burgfrauen statt zu finden hat. Auch bei vielen anderen Festen in der Sommerung* sind nicht nur die Frauen, sondern auch die Familien gern gesehen.

Bei diesem Besuch habe ich einen durchaus lebendigen, intellektuell anspruchsvollen Männerbund wahr genommen. Einen Verein, in dem menschliche und soziale Werte wie Freundschaft und Humor, aber auch Toleranz und Respekt gelebt und hoch gehalten werden. Sie werden vielleicht nach außen hin für den flüchtigen Betrachter ein wenig bunt und skurril wirken, aber ich bin sicher, das dieser Verein in unserer so schnelllebigen Welt eine angemessene Wertigkeit hat.

Schlaraffia Crefeldensis e.V. feierte 2013 den 100 Geburtstag.

 

Schlaraffialatein

  • Atzung und Labung = Essen und Trinken (Verben: atzen und laben)

  • Quell = Bier

  • Lethe = Wein

  • Schaumlethe = Sekt

  • Schmauchtopf = Tabakspfeife

  • Lunte = Zigarre

  • Luntette = Zigarette

  • Sippung = Versammlung

  • Bangk = rhythmische Ehrerweisung, die einem Schlaraffen entgegengebracht wird

  • Retourkutsche = Aufforderung zum Duell

  • Pön = Geldstrafe, die verhängt wird, wenn man sich ungebührlich verhält oder gegen Spiegel und Ceremoniale verstößt (Verb: pönen; von lat. poena, Strafe)

  • Benzinross = Auto

  • Benzinelefant = Reisebus

  • Dampfross = Eisenbahn

  • Troß = Familie

  • Burgfrau = Ehefrau

  • Burgschreck = Schwiegermutter

  • Burgwonne = Freundin, Lebensgefährtin

  • Burgknäpplein = Sohn

  • Burgmaid = Tochter

  • Winterung = Winterhalbjahr

  • Sommerung = Sommerhalbjahr

  • Clavicimbel = Klavier

  • Zinkenmeister = derjenige, der das Clavicimbel bedient. Ein „Zink“ war das ursprüngliche Instrument, auf dem anfangs begleitet wurde.[8]

  • Seufzerholz = Geige

  • Kniewinsel = Violoncello

  • Minneholz = Gitarre

  • Quasselstrippe = Telefon

  • Sendbote = Brief

  • Sendwisch = Postkarte

  • Krystalline = geselliges Zusammensein außerhalb der Sippungen

  • Vademecum = jährlich erscheinende Broschüre, die alle Angaben und Veranstaltungshinweise des herausgebenden Reyches enthält.

  • Stammrolle = Mitgliederverzeichnis

  • Rüstung = Helm und Schärpe, eventuell Rittermantel

  • Schwalbenschwanz = Frack

  • Rauchrock = Smoking

  • Reych = Ortsgruppe

  • Fechsungen = eigene Werke

  • Uhuversum = Gesamtheit aller Reyche

Anmerkung: Was es alles über die Schlaraffia zu wissen gibt, ist ausgesprochen umfangreich. Mein Bericht soll einen persönlichen Eindruck als Außenstehende vermitteln und vielleicht neugierig machen auf die Werte, die dort vertreten werden. Aber er ist weit davon entfernt, das Thema umfassend und abschließend zu behandeln. Hier gibt es genügend andere Quellen, um sich umfassend mit dem Thema auseinander zusetzen. Für mich aber war es eine spannende Erfahrung, vor allem, weil man auch mir als vollkommen unbekannter Person mit Respekt und Offenheit begegnet ist. Das spricht meiner Meinung nach nur für die Schlaraffen!

Krefeld, August 2021

Urbex Art Photografie